Geschichten aus der Dose

5 – Ruhrpokalypse – Kapitel 1

Wir feiern das kleinstmögliche Jubiläum dieses erzählerischen Machwerks! “Wir” sind in diesem Fall ich und ihr, meine drei lieben Hörer. Ich hielt es zu diesem Anlass für angebracht endlich mal die Maximallänge des Podcasts zu sprengen. Ihr bekommt deshalb hier eine längere Geschichte, die sogar auf Fortsetzung ausgelegt ist. Eine weitere Premiere betrifft Pseudo-Interaktivität, denn ihr habt hier erstmals die Möglichkeit die Fortführung einer Geschichte mitzubestimmen! Dazu könnt ihr am Ende dieses Blog-Eintrags (also ganz, ganz tief unten, sogar noch unter dem Text der Geschichte) an einer Umfrage teilnehmen. Für eine adäquate Teilnahme empfiehlt es sich natürlich zunächst die Geschichte zu hören oder zu lesen. Abstimmen könnt ihr bis zum 16. August. Genaueres hört ihr natürlich im Podcast.


 

„Es war ne super Idee von dir, hier rauszufahren.” Lea sah Marc tief in die Augen. Sie saßen auf einer Bank in der frisch angelegten Parkanlage an der Bergehalde. Auf den letzten, noch nicht begrünten Haufen aus Erde und Gestein, die aus tausend Meter tiefen Bergwerksschächten schon vor Jahrzehnten hier her gekarrt worden waren, standen Bagger, die ihre Schatten in das Mondlicht warfen. Rings um den Park waren nur Wald und das von Scheinwerfern beleuchtete Chemiewerk, dessen Anlagen in der Stille der Nacht mit einem monotonen Brummen ihren Fleiß zur Schau stellten. Die beiden Schüler kauerten bereits aneinander, aber sie schienen sich nun noch näher zu kommen. Sie schloss die Augen und bewegte ihren Kopf auf seinen zu. „Hast du das gehört?” sagte er und drehte seinen Hals. „Verarsch mich nicht! Wenn du nix von mir willst, sag es doch einfach!” Sie stand auf. „Ne, echt ma jetz’, hör doch ma!” Sie fand sein Lauschen wäre nur ein Vorwand. „Toll! Irgendwelche Ratten buddeln hier rum und dafür lässt du mich sitzen?” „Hey, ich hab’s doch nich so gemeint. Komm wieder her.” Doch sie drehte sich um und marschierte mit verschränkten Armen los. „Lass mich doch in Ruhe, du Arsch!” Er folgte ihr. Ihm folgte die Quelle der Geräusche. Während er versuchte sie zu besänftigen und aufzuschließen, wurden sie von dem Geräusch überholt. Als sie in der Dunkelheit zwischen den Lichtkegeln zweier Laternen verschwanden, waren die beiden bereits umzingelt. „Scheiße, was ist das Marc?” Er konnte die Antwort nicht wissen. „Keine Ahnung, irgendwelche Käfer oder so.” Sie konnte nicht ruhig bleiben. „Marc, mach doch was! Die kommen immer näher!” Ein halb erstickter Schrei, gefolgt von einem Gurgeln blieb Marcs einzige Antwort. Hätte noch jemand zugehört, hätte er Leas letzte Laute ganz ähnlich beschrieben. Kurz darauf beschallte nur noch das angeberische Chemiewerk den Park.

„Ich gehe heute auf den Markt, soll ich was Bestimmtes mitbringen?” Simone Berger saß am Tisch und schmierte Stullen für ihren Mann. Rudolf Berger saß direkt daneben, las Tageszeitung und erwiderte ein vielsagendes „Ne”. In diesem Augenblick kam Martin Berger in die Küche, griff nach einem der Butterbrote und setzte sich auf den freien Stuhl neben seiner Mutter. „Maf ift denn da fon wieder lof?” Frau Berger protestierte: „Sprich nicht mit vollem Mund!” Martin schluckte und zeigte auf eine Schlagzeile in der Zeitung: „‚Kumpel auf Bergwerk Westheim verschollen’. Ich dachte die haben die Zeche dicht gemacht?” „Das geht nicht von heute auf morgen.” Herr Berger war vor zwei Monaten das letzte mal angefahren und nun in einer Weiterbildungsmaßnahme untergebracht. „Ist was eingestürzt, oder so? Kanntest du den?” wollte Martin wissen. Herr Berger verneinte: „Ne, ne. Einfach verschwunden, keiner weiss was los ist.” „Musst du nicht zur Schule?” Kathrin Berger betrat den Raum in einem Schlabbershirt und Boxershorts. „Musst du nicht zur Uni?” Herr Berger knüllte die Zeitung etwas zusammen und schaute seine Tochter direkt an. „Seid ihr heute zum Essen da?” fragte Frau Berger ihre Tochter. „Nein, Ahmed kocht heute Abend was für uns beide.” „Bleibst du dann wieder über Nacht beim Dönermann?” Kathrin warf ihrem Vater einen halb genervten, halb mitleidigen Blick zu. „Das ist echt ein schlauer Spitzname, Papa. Wieso nennst du ihn nicht Binärmann?” Ahmed war Kathrins Freund. Er studierte Informatik. Herr Berger legte nach: „Ich sach’ dir, wenn du mit’m Kopftuch nachhause kommst fahr ich mal bei dem vorbei!” „Schluss jetzt! Martin, du musst los! Zieh dir endlich was an, Kathrin. Und Rudi, deine Schnitten sind fertig.” Damit löste Frau Berger die morgendliche Versammlung auf.

„Hey, wo ist denn Lea? Die Stunde geht gleich los.” Melanie Kuzorra war Leas beste Freundin. „Marc ist auch noch nicht da.” Martins Platz in der Klasse war direkt neben dem von Marc. „Die waren gestern zusammen weg. War bestimmt ne anstrengende Nacht, hehe.” Gab Denniz Demir mit einem süffisantem Grinsen auf den Lippen zu bedenken. „Die wollte doch schon lange geknallt werden!” mischte sich Holger Pauli ein. Melanie wollte das nicht so stehen lassen: „Halt’ doch die Fresse, du Arsch!” „Ich könnte mir eine nettere Begrüßung für unsere Gäste vorstellen, Melanie!” Otto Böhm betrat den Klassenraum. Er war Vertrauenslehrer der elften Jahrgangsstufe. Hinter Böhm traten zwei Polizeibeamte durch die Tür. „Das sind Kommissar Schwarz und Kommissar Schulze.” „Wieder Drogenprävention, wa?” „Nein, Holger. Die Herren sind hier, weil zwei eurer Mitschüler heute Nacht nicht nachhause gekommen sind.” Einer der Kommissare übernahm: „Morgen! Euer Lehrer hat uns ja schon vorgestellt. Es geht um eure Mitschüler Lea Koch und Marc Winter. Die beiden sind heute Nacht nicht zuhause gewesen. Ihre Eltern haben uns gesagt, dass die beiden miteinander verabredet waren. Hat jemand von euch einen der beiden gestern Abend, Nachts oder heute Morgen gesehen, mit ihnen telefoniert oder sonstiges? Wir sind für jeden Hinweis dankbar.” Jan-Phillip Vogel meldete sich zu Wort: „Glauben sie, die beiden sind entführt worden, oder so?” Der bisher stumme Kommissar antwortete: „Bisher wissen wir nichts Konkretes. Es gibt keine Hinweise auf ein Gewaltverbrechen.” Die Polizisten warteten noch etwa eine halbe Minute, aber niemand reagierte mehr. „Falls euch doch noch etwas einfällt, egal was für unwichtige Kleinigkeiten das sind, meldet euch bitte bei der Polizei.” Die Beamten verabschiedeten sich von der Klasse. Herr Böhm ging ihnen auf den Flur nach, schien mit ihnen zu reden und kam dann wieder in die Klasse, bevor er die Tür hinter sich zuzog.

Nach dem Ende der Doppelstunde standen alle Schüler aus Böhms Biologiekurs gemeinsam auf dem Flur. „Meint ihr echt, die hat sich einer gekrallt?” sagte Denniz. „Ey, Marcs Eltern ham doch voll die Kohle, sein Vatta is Bürgermeister. Die wollen die bestimmt erpressen.” sagte Jan-Philipp. „Marcs Wagen stand heute morgen an der Halde.” erklärte Ann-Christin Köhler. „Wieso hast du denen das nicht gesagt?!” wollte Melanie wissen. „Ich hab zwei Tüten in der Tasche, würdest du damit auf ne Polizeiwache spazieren?!” antwortete sie. „Was macht ihr hier?” Melanies Schwester stand plötzlich direkt bei der Gruppe. „Was machst du hier?! Keine Schule?” fragte Melanie. Lisa Kuzorra besuchte die Gesamtschule, nicht das Gymnasium, wie ihre ältere Schwester. „Was ausgefallen. Wollte Marvin besuchen.” Marvin Bock war ein Nachbar der Kuzorras und betete Lisa an. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht!” Melanie schob ihre protestierende Schwester den Flur Richtung Ausgang hinunter. „Bin in ner Stunde wieder da. Sagt dem Overbeck ich hab meine Tage, oder so.” Das war das letzte, was die Gruppe für lange Zeit von Melanie hören sollte.

Nach der siebten Stunde versammelten sich die Schüler in der kleinen Mensa der Schule. Sie bestand aus vier Containern, die man auf den Teil des Schulhofs gestellt hatte, der an ein Waldstück angrenzte. Zwischen dem Ende des Unterrichts und den beiden Sportstunden am Nachmittag lagen drei Freistunden, welche die meisten Schüler normalerweise zuhause verbrachten. An diesem Tag waren fast alle aus dem Sportkurs in der Schule geblieben. Die Diskussionen wurden von einem einzigen Thema bestimmt. „Erst Marc und Lea und jetzt noch Melanie!” sagte Martin. „Da ist doch was faul!” „Quatsch!” rief Holger „Die hatte nur kein Bock mehr! Guck ma nach draußen! Die is längst im Schwimmbad!” „Ne, so was macht die nicht.” sagte Denniz. Ann-Christin pflichtete ihm bei: „Die sagt doch nicht ihrer Schwester sie soll nich blau machen und macht’s dann selbst.” „Die entführt doch aber keiner, die ham doch nix auf Patte.” sagte Jan-Philipp. Herr Böhm betrat den Raum und ging zur Verkaufstheke. Die Frau mit dem Haarnetz hinter dem Tresen wollte gerade das Rollgitter herunterlassen. „Warten Sie!” sagte Herr Böhm „Ich habe heute Mittag nen Salat bestellt, können sie mir den noch schnell geben?” „Alter! Was ist das denn?!” rief Jan-Phillip plötzlich. Aus dem Tor im Zaun zum Wald hechtete ein Mann in grünen Klamotten und einer orangenen Warnweste. Er schob einen dicken Bauch vor und zog etwas hinter sich her, das rote Schleifspuren auf den Pflastersteinen hinterließ. Um seine Schulter baumelte ein Gewehr. Herr Böhm hatte sich vom Tresen abgewendet und schaute aus dem Fenster. Der Mann aus dem Wald klatschte längs hin, ohne sich abzustützen. Die Schüler und ihr Lehrer stürmten aus der Hintertür der Mensa. Die Bedienung griff in der Küche nach dem Erste Hilfe-Kasten und folgte ihnen. Als sie dem Mann näher kamen, stieß Holger einen schrillen Schrei aus. Das, was die Spuren auf dem Boden verursacht hatte, waren die blutverschmierten Überreste eines Hundes.

Der Mann aus dem Wald war offensichtlich Jäger und seit seinem Sturz bewusstlos. Herr Böhm versuchte noch seinen Puls zu messen, als seine Schüler in Panik gerieten. „Herr Böhm, da kommt irgendwas aus dem Wald!” rief Denniz. „Fuck, was geht denn hier?!” brüllte Ann-Christin. „Herr Böhm!” schrie Martin, als der Lehrer nicht reagierte. „Schnell! Helft mir!” Herr Böhm zog am rechten Arm des Jägers. Die Frau mit dem Haarnetz liess den Verbandskasten fallen und rannte davon. Einige der Schüler folgten ihr. „Ins Treppenhaus!” Martin, Holger, Ann-Christin und Denniz zerrten gemeinsam mit ihrem Lehrer an den Armen des dicken Jägers. Sie wollten ihn in das Schulgebäude schaffen, bevor die weißen Wogen, die aus dem Wald heran rauschten sie erfassen konnten. Jan-Philipp schnappte sich den Verbandskasten. Im letzten Moment zogen sie die Tür hinter sich zu. „Verdammte Scheiße! Was ist das?!” brüllte Martin. Ein klingeln ertönte. Es war Herr Böhms Handy. „Ja, Böhm… Was?… Nein, ich bin mit Köhler, Berger, Demir, Vogel und Pauli im Treppenhaus vom dritten Bauabschnitt… Ach du Scheiße! Was machen wir jetzt? … Ist das ihr Ernst? … OK, Tschüss.” „Was ist los?” fragte Ann-Christin. „Na gut, hört zu, aber ihr müsst ganz ruhig bleiben, OK?” Alle Schüler, bis auf Holger quittierten die Frage mit einem Nicken. „Diese Viecher sind in der ganzen Schule. Die fressen alles, was ihnen über den Weg läuft. Wir sollen versuchen aufs Dach zu kommen. Der Schulhof ist mit den Dingern überflutet.” „Mit dem Typen hier aufs Dach? Der wiegt ne Tonne!” sagte Denniz. Holger saß zusammengekauert in einer Ecke des rot gekachelten Treppenhauses. „Holger, alter, reiß dich zusammen!” sagte Ann-Christin und beugte sich zu ihm hinunter. „Wir brauchen den nicht mitnehmen.” Martin kniete neben dem Jäger und hielt Zeige- und Mittelfinger an dessen Hals. „Er hat keinen Puls.” „So ein Sturz killt doch keinen!” rief Jan-Philipp. Dann begann sich die Leiche zu bewegen. „Was für Scheiße geht denn jetzt ab?” Denniz griff nach dem Gewehr und zog dem Mann den Umhänge-Riemen über den Kopf. Die orangene Weste schlug Beulen. Einige davon wanderten. Ann-Christin half Holger auf die Beine und schob ihn die Treppe hinauf. Herr Böhm und Martin gingen rückwärts auf den Treppenabsatz zu, konnten ihre Blicke aber nicht von dem Mann abwenden. „Da kommt was raus!” Martin schrie, obwohl alle in Hörweite dicht bei ihm standen. Denniz schoss und rannte die Treppe hinauf. Aus den Einschusslöchern der Schrotkugeln ergoss sich sofort ein lebendiger, weißer Strom kleiner Kieselsteine. Martin übersprang die ersten zwei Stufen der Treppe und zog Herrn Böhm hinter sich her. In der ersten Etage blieb Denniz stehen und drehte sich um. Die weißen Fluten erklommen die Treppe. Er schoss erneut. Jan-Philipp zuckte zusammen. Ann-Christin und Holger waren mittlerweile in der obersten Etage angekommen und warteten auf die anderen. Nachdem die restlichen Schüler eingetroffen waren, zogen sie die Brandschutztür zu und verschlossen sie.

Herr Böhms Handy klingelte wieder. „Ja, wir sind auf der vierten.” keuchte er in das Mikrofon. „Verdammt … wissen sie … und jetzt? … Aber hier muss doch… Danke.” „Denniz, woher weisst du wie man mit dem Ding umgeht?” wollte Ann-Christin wissen. „Ich bin im Sommer immer bei meinen Onkeln in der Türkei, die ham keine X-Box.” „Wir sollen aufs Dach vom Neubau. Der ist am höchsten. Frau Richter ist mit ihrem Kurs schon da.” Holger saß mit dem Rücken zur Wand auf dem Boden. Sein Gesicht war fast so blass wie die Tiere vor der Feuerschutztür. Mit weit aufgerissenen Augen drückte er auf seinem Handy herum. „Keiner geht ran.” brabbelte er. „Die sind bestimmt alle tot! Verdammte Scheiße!” An der Tür zum Treppenhaus setzte unterdessen ein leises, aber stetes Klopfen ein. „Ich komme nicht durch! Das Netz ist überlastet.” sagte Martin mit seinem Handy am Ohr. Das Klopfen an der Tür wurde lauter. „Neubau?!” sagte Denniz „Da müssen wir ja wieder runter und über den Schulhof!” Langsam wölbten sich mehrere Stellen an der Feuerschutztür nach Aussen. „Hat die Knarre den Viechern irgendwas getan, Denniz?” fragte Martin. „Keine Ahnung. Vielleicht, aber is jetzt eh egal.” antwortete er. „Hä? Wieso?” Herr Böhm kam Denniz zuvor: „Das ist nur ne Doppelläufige. Wenn du nicht zufällig ’n paar Patronen in der Tasche hast, ist das Ding nutzlos.” Die Beulen an der Tür wurden größer und tiefer. „Wir sollten hier verschwinden!” sagte Ann-Christin. „Wozu denn? Dann fressen sie uns eben, wenn wir auf den Hof gehen!” rief Holger. „Komm schon, man! Reiß dich zusammen!” sagte Denniz. Martin war ebenfalls skeptisch: „Aber wie sollen wir da hinten auf’s Dach kommen? Wieso klettern wir nich hier die Feuerleiter hoch?” Plötzlich platzte eine der Wölbungen an der Tür auf. Wie weißer Eiter floss ein Tier nach dem anderen durch die Öffnung. „Los, kommt!” rief Herr Böhm. Ann-Christin packte Holgers Shirt und riss ihn daran auf die Beine. „Macht alle Türen hinter euch zu!” rief Herr Böhm. „Jeder nimmt eine andere Etage! Wir müssen alles dicht machen!” Die Gruppe rannte auf das Treppenhaus zwischen dem dritten und dem zweiten Schulgebäude zu. „Wir treffen uns im NW-Trakt!” rief Herr Böhm, als er die Zwischentreppe hinunter lief und anschließend die Tür zum Treppenhaus auf seiner Etage des zweiten Bauabschnitts hinter sich verschloss. Der Flur für Chemie und Physik lag im ersten Schulgebäude. Er war am weitesten vom Neubau entfernt, aber dafür durch Anbauten erreichbar, ohne dass man einen Fuß auf den Schulhof setzen musste. Holger und Ann-Christin kamen als Letzte im Treppenhaus an. Sie zogen die Feuerschutztür zu und rannten gemeinsam nach unten ins Erdgeschoss. In allen anderen Etagen war bereits jemand unterwegs.

Martin traf als erster Schüler im Naturwissenschafts-Trakt ein. Einer der Chemie-Räume stand offen. Als er die Tür erreichte, erschien Denniz hinter ihm am Ende des Flurs: „Hey!” Martin warf einen kurzen Blick in seine Richtung, nickte und betrat dann den Raum. Herr Böhm stand am braun gekachelten Pult und schien bereits einige Dinge aus dem Lehrmittelraum darauf und drumherum zurecht gelegt zu haben. „Was machen sie da?” fragte Martin, als Denniz hinter ihm durch die Tür kam. „Hast du das Gewehr noch?” fragte Herr Böhm. Wortlos übergab Denniz seinem Lehrer die Waffe. Der verschwand damit im Lehrmittelraum. Die beiden Schüler folgten ihm. „Was ist das alles für Zeug?” fragte Martin. „Hey, wo seid ihr?” hörte man Jan-Philipps Stimme über den Flur hallen. Martin ging zurück, streckte den Kopf aus der Tür und rief: „Hier, wir sind hier!” „Sind die anderen schon da?” fragte Jan-Philipp, als er den Raum betrat. „Nur Denniz, Böhm und ich.” antwortete Martin. Als Jan-Philipp den Tisch sah, machte er große Augen: „Wow, was wird das denn?!” Denniz kam hinter Herrn Böhm aus dem Lehrmittelraum. Der Lehrer hielt die Schrotflinte in der einen, die abgesägten Läufe in der anderen Hand. „Hier Jungs.” sagte er, als er sich hinter das Pult stellte. „Holt mit der Zange das Kalium aus den beiden Flaschen hier. Ihr könnt es mit dem Messer zerschneiden. Tut die Stücke in die kleinen Gläschen mit Paraffin und macht sie fest zu. Die Dinger müssen bombenfest sein, habt ihr gehört? Danach macht ihr die großen Flaschen hier halb voll mit Wasser, legt die Flaschen mit dem Kalium rein und macht sie zu. Seid vorsichtig! Denniz, du kommst mit mir.” Jan-Philipp und Martin machten sich sofort an die Arbeit. Herr Böhm verließ den Raum gemeinsam mit Denniz. Aus dem Flur hörte man, wie eine weitere Tür aufgeschlossen wurde. „Was wird das?” fragte Martin. „Ich hab keine Ahnung, man. Chemie schreib ich immer bei Melanie ab.” Denniz betrat einige male den Raum und verließ ihn mit Gummischläuchen, Gasflaschen und Teilen von Experimentier-Stativen. Martin und Jan-Philipp hatten fast das ganze Kalium verbraucht, als sie Schreie aus dem Flur hörten: „Heeey! Ah! Hilfe!” Es war Ann-Christin.

Die beiden Jungs hechteten aus dem Chemie-Raum. Am Ende des Flurs war nur Ann-Christins Oberkörper zu sehen. Sie lag auf dem Bauch im Durchgang zum Treppenhaus und schrie immer noch. Aus einem der Räume auf der gegenüberliegenden Seite kam Denniz. Genau wie Jan-Philipp und Martin setzte er zu einem Sprint an, um Ann-Christin zu Hilfe zu kommen, doch aus dem Raum hörte man Böhms Stimme nach ihm rufen. Die beiden anderen waren schnell bei ihrer Mitschülerin. „Kannst du laufen?” fragte Jan-Philipp. Sie nickte. Als die beiden ihr beim Aufstehen halfen und sie abstützten, wurde ihre blutverschmierte Kleidung sichtbar. „Wo ist Holger?” fragte Martin. Ann-Christin keuchte und schüttelte nur den Kopf. Dann sagte sie: „Macht die Tür zu! Sie sind hinter mir!” Martin liess sie los und drehte sich, um genau das zu tun. „Waaahhh! Schneller! Scheiße!” rief er, klemmte sich wieder unter Ann-Christins Arm und zog sie gemeinsam mit Jan-Philipp so schnell sie konnten in Richtung der offenen Tür des Chemie-Raums. „Böhm!” kreischte Jan-Philipp. Hinter ihnen ergoss sich eine Woge weißer Schädlinge durch die Tür. Dann trat der Lehrer auf den Flur. Er trug eine Schutzbrille, wie es die Chemie-Lehrer bei Experimenten immer taten. In der Hand hielt er die abgesägten Läufe der Schrotflinte, an deren Spitze eine Wunderkerze brannte. Ann-Christin, Jan-Philipp und Martin spurteten an ihm vorbei. Er hatte sich zwei Gasflaschen auf den Rücken gebunden und ging auf das weiße Meer zu. „Dreh auf, Denniz!” rief er und aus einem der beiden Läufe schoss ein Feuerschwall. Sofort strömten die käferartigen Tiere in die entgegengesetzte Richtung. Viele von ihnen blieben verkohlt auf dem Linoleum-Fußboden liegen. Manche der Bodenplatten wellten sich so stark, dass sie sich komplett aufrollten und den Tieren, die auf ihnen lagen nach Plastik stinkende Särge bauten. Herr Böhm trieb den Schwarm mit seinem Flammenwerfer immer weiter zurück, sodass er bald die Tür zum Treppenhaus schließen konnte. Jan-Philipp und Martin hatten Ann-Christin in der Zwischenzeit auf einen der Tische gelegt. An ihrem Arm klaffte eine Wunde. „Haben dich die Scheißviecher erwischt?” fragte Jan-Philipp, während Martin den Verbandskasten öffnete und einen Druckverband zurecht machte. „Ne, glaub nicht.” sagte sie und schluchzte „Diese verfickten Dinger haben Holger einfach aufgefressen!” „Wo kamen die alle her?” fragte Jan-Philipp. „Die waren schon im Erdgeschoss, als wir ankamen. Die haben sich von draußen reingefressen.” sagte sie. Herr Böhm stürzte in den Raum. Schweiß perlte von seiner Stirn und seine Haare glänzten feucht. Sein Pony war angeschrögelt. „Kannst du laufen?” fragte er Ann-Christin. „Die Tür wird nicht lange halten.” Sie nickte. „Hier, ich habe welche von den Toten aufgesammelt, wie sie wollten.” sagte Denniz. „Gut, zeig her.” antwortete Herr Böhm und ließ die Gasflaschen von seinem Rücken gleiten, um sie abzustellen. Denniz und er verschwanden wieder im Lehrmittelraum. „So geht’s oder?” sagte Martin, als er den Verband an Ann-Christins Arm zu Ende gebracht hatte. Jan-Philipp starrte das Blut auf ihrem Top an: „Hat er sehr gelitten?” „Ich weiss nich, man, echt nich.” sagte Ann-Christin. ”Er war schon halb tot, als er die Zwischentür zugeworfen hat. Ich stand auf der anderen Seite.” Herr Böhm und Denniz kehrten zurück. „Wir müssen gehen. Denniz, hilf mir mal beim Gas.” sagte der Lehrer und ließ sich seinen Flammenwerfer anlegen. „Nehmt so viel von den Kalium-Flaschen mit, wie ihr tragen könnt, aber lasst keine fallen! Seid vorsichtig damit!” „Wo wollen wir denn hin?” fragte Jan-Philipp. „Diese Drecksviecher sind doch überall!” „Wir bleiben bei unserem Plan!” sagte Herr Böhm. „Wir gehen aufs Dach vom Neubau. Angeblich sollen wir da abgeholt werden.” „Aber wenn nicht, sitzen wir da in der Falle!” warf Ann-Christin ein. „Wo willst du denn hin?” fragte Herr Böhm „Los jetzt!” Die Gruppe packte den Verbandskasten, die meisten Flaschen mit Kalium, ein paar Flaschen mit Alkohol, die Denniz auf Anweisung seines Lehrers gefüllt hatte und einigen anderen Kram notdürftig in eine zerschnittene Löschdecke und ein paar Putzlappen ein. Martin entzündete eine neue Wunderkerze an Herrn Böhms Gewehrlauf. Jan-Philipp öffnete die verrußte Tür zum Treppenhaus und Denniz die Ventile der Gasflaschen.

Im Gänsemarsch bewegten sich die Schüler fort. Ihr Lehrer brutzelte mit dem Flammenwerfer den Weg Richtung Erdgeschoss frei. Bei jedem Schritt knirschten verkohlte Panzer unter ihren Füßen. Je weiter sie nach unten kamen, desto dichter wurde der Teppich aus weißen Krabbeltieren. Martin, der die Nachhut bildete, sah mit an, wie sich die Schneise, welche die Flammen in den lebendigen Flokati geschlagen hatten, hinter ihnen wieder schloss. „Herr Böhm!” rief er. Denniz antwortete: „Wirf ne Flasche!” Martin griff in seine improvisierte Tasche und zog eine der Flaschen heraus, die sie mit Wasser und Kalium gefüllt hatten. Er warf. Beim Aufprall zerbrach sowohl die große, braune Flasche mit dem Wasser, als auch das kleine, verkorkte Gläschen darin. Das Ergebnis war eine kleine Explosion, die einige Tiere durch die Luft schleuderte und andere verbrannte. Das ganze Treppenhaus war von den trippelnden Schritten Milliarden kleiner Tiere erfüllt. Es war ohrenbetäubend und monoton. Je tiefer sie kamen, desto kürzer wurden die Abstände, in denen Martin und die anderen eine Flasche werfen mussten. Auf dem letzten Treppenabschnitt rutschte Jan-Philipp aus. Er brüllte laut auf, als er zwei Stufen auf gerösteten Panzern nach unten schlitterte und dabei Denniz anstieß. Der konnte sich gerade noch am Geländer festhalten und so auch Jan-Philipps Sturz aufhalten. Beinahe wären beide Herrn Böhm in den Rücken gefallen. Martin sah kurz vor seinem inneren Auge, wie alle drei in die weißen Wogen fielen und darin untergingen. Ann-Christin half Jan-Philipp beim Aufstehen. „Ahhh, mein Fuß!” rief er „Verdammte Scheiße!” Denniz stützte ihn jetzt ebenfalls. „Wir müssen weiter! Reiß dich zusammen!” sagte er. Sie hatten es bis zum Ausgang geschafft. Auf dem Schulhof verteilten sich die Tiere viel weiter als im Gebäude. Der Teppich hatte einige Löcher. Das traf sich gut, denn Martin waren die Kalium-Flaschen ausgegangen. Ab und an wurde eine Stelle, auf der sie sich gerade noch befanden nur ganz allmählich zurückerobert. Dann konnte Martin deutlich sehen, wie diese Tiere sich die verkohlten Überreste ihrer Artgenossen einverleibten. Wenn der Strom anschließend weiter floss und sich eine neue Lichtung zeigte, blieb nur noch blanker Asphalt übrig. „Das Zeug is alle!” rief Martin. Denniz reichte ihm ein Feuerzeug. „Hier, bau aus den Alk-Flaschen Molis!” Seit Jan-Philipp gestolpert war, sorgte Martin alleine für die Abwehr der nachströmenden Maßen. Er zerriss einen der Lappen, der jetzt nicht mehr zum Tragen benötigt wurde, griff nach einer Flasche mit Alkohol, öffnete sie und stopfte den Fetzen hinein. Das Feuerzeug entzündete das Stück Stoff. Er warf.

„Hey! Hier oben!” hörten sie mehrere Stimmen rufen. Es war Frau Richter mit einigen Schülern. Sie hatten sich auf’s Dach gerettet, bevor der Schwarm sie wahrgenommen hatte. Der Eingang zum Neubau lag jetzt nur noch wenige Meter vor ihnen. Dann begann Herr Böhms Flammenwerfer zu stottern. „Gas is alle!” rief er. „Scheiße!” Denniz ließ Jan-Philipp los und warf selbst einige Molotowcocktails voraus, während der Flammenwerfer seine immer länger werdenden Pausen einlegte. Sie stapften jetzt durch brennenden Alkohol. Martins Schuhsolen begannen weich zu werden und am Boden kleben zu bleiben. Da war die Tür. Denniz warf eine letzte Brandbombe und sprang dann mitten in die abklingenden Flammen, um die Tür aufzuziehen. Der Flammenwerfer quittierte endgültig seinen Dienst. Innen war der Boden mit Krabbelviechern bedeckt. Martin warf einen Brandsatz hinein. Jan-Philipp und Ann-Christin gingen voran, sobald das Feuer leicht abgeklungen war. Es blieb nur ein kurzes Zeitfenster in dem man sich keine ernsthaften Verbrennungen zuzog und die lebendigen Fluten trotzdem noch abgehalten wurden. Denniz und Martin gingen als Nächste ins Gebäude. Die Treppe hinauf zu kommen, entpuppte sich als schwieriger, als sie hinunter zu steigen. Wieder bildeten sie eine Reihe, an deren Spitze sich Denniz setzte. Herr Böhm ging als Letzter. Der brennende Alkohol der Molotowcocktails tropfte die Treppenstufen hinab. Martins Schuhsohlen waren jetzt so Dünn wie Backpapier. Als sie auf der obersten Etage angekommen waren, hatten sie nur noch eine Flasche mit Alkohol. Um auf das Dach zu gelangen, mussten sie zur Feuerleiter am anderen Ende des Flurs. Sie hatten alle Türen hinter sich verschlossen, aber die kleinen Tiere hatten sich längst ihre Wege hindurch gefressen. Die Viecher-Dichte war hier geringer, als unten, aber sie schienen ihnen zu folgen. Der Nachschub aus den unteren Stockwerken ebbte nicht ab. Herr Böhm legte seine Gasflaschen ab. Dann hechtete er an den Anfang der Gruppe, riss Denniz die letzte Flasche mit Alkohol aus der Hand und lief mit hohem Tempo voraus. „Lauft!” rief er. Dabei verteilte er hinter sich eine schmale, aber ausreichende Spur brennenden Alkohols. Die Schüler folgten ihrem Lehrer so schnell es ging. Jan-Philipp überwand seinen schmerzenden Fuß so gut er konnte. Martin versuchte die letzten Lumpen in Brand zu stecken, die sie noch hatten, um etwas mehr Feuerkraft zu haben. Während die Gruppe auf die Feuertreppe zusteuerte, krochen die weißen Teufel an Herrn Böhm hoch, der versuchte das Fenster zu öffnen. Es gelang ihm, aber die Tiere waren bereits unter seiner Kleidung. „Lauft!” rief er. Noch bevor Martin und die anderen die Feuerleiter erreichten, hatte der weiße Tod ihren Lehrer fast zur Gänze eingehüllt. Er torkelte zum offenen Fenster. Ein Arm griff nach der Feuerleiter und verfehlte sie. Der Lehrer verlor das Gleichgewicht und stürzte aus dem Fenster. Sein gurgelnder Schrei wurde von den Rufen seiner Schüler und dem Geräusch von Rotoren überdeckt. Kurz bevor das Feuer hinter ihnen ausging, rettete sich ein Schüler nach dem anderen auf die Leiter. Der erste von ihnen war noch nicht auf dem Dach, als der Helikopter über ihre Köpfe hinweg flog.

Wie geht die Ruhrpokalypse weiter?

  • Der Hubschrauber rettet nur einige (100%, 1 Votes)
  • Der Hubschrauber rettet alle (0%, 0 Votes)
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11. August 2012 von Lars
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