Die Busfahrerin
Sie war 54, geschieden und im Großen und Ganzen zufrieden mit ihrem Leben. Das letzte ihrer vier Kinder hatte vor einem Monat die gemeinsame Wohnung verlassen. Nun war sie frei. Sie erwartete den Rest ihres Lebens mit Freude. Vielleicht würde bald das erste Enkelkind aus ihren Töchtern oder der Schwiegertochter plumpsen. Alle ihre Kinder hatten es zu etwas gebracht, drei von ihnen waren im Begriff eigene Familien zu gründen. Was ihr Ex tat, wusste sie nicht. Wollte sie auch nicht. Sie hatte mal eine Lehre zur Anwaltsgehilfin gemacht, wollte später vielleicht Jura studieren. Ihr Chef versprach sie weiter zu beschäftigen und sie zu unterstützen. Dann kam Johanna, ihr erstes Kind, also heiratete sie ihren Chef. Jetzt war sie durch und durch Mutter. Die mittleren Kinder waren Zwillinge. Thomas und Susanne wurden die beiden getauft. Johanna war keine 2 Jahre alt, als sie auf die Welt kamen. Wenn alle drei in der Grundschule wären, würde sie wieder anfangen zu arbeiten. Ihr Mann verdiente genug um den Kredit für das Haus abzubezahlen und die Familie zu ernähren, aber sie wollte wieder raus ins richtige Leben. Sie war gerne Mutter, trotzdem musste sie ab und an weg von tropfenden Nasen und Pausenbroten.
Dann kam Michael. Er war nicht geplant, entstand aus einer Unachtsamkeit heraus. Trotzdem freute sie sich auf ihn. Sie wollte ihren Mann mit der frohen Botschaft im Büro überraschen. Wie sie feststellen musste, war der allerdings zu diesem Zeitpunkt in die inneren Angelegenheiten seiner neuen Gehilfin vertieft. Es folgten Scheidung, Hausverkauf und Jobsuche. Jetzt war es nicht mehr nur ein emotionales Verlangen wieder arbeiten zu gehen, sondern eine materielle Notwendigkeit. In dem Beruf, den sie mal gelernt hatte, wollte sie niemand mehr. Sie sei zu alt, zu lange aus dem Geschäft. Es sei viel passiert, während sie weg war, erklärte man ihr. Auf dem Arbeitsamt vermittelte man ihr eine Umschulung zur Busfahrerin. Das war nun 18 Jahre her. Seit dem fuhr sie Bus. In den letzten zwei Jahren hatte sie das Lenkrad allerdings nicht angefasst. Sie war krank geschrieben. Brustkrebs. Man nahm ihr die linke Brust ab. Ein Implantat hatte sie nicht vertragen. Die Entzündung zerstörte noch mehr Gewebe und so wollte sie es nach der Heilung nicht noch einmal versuchen. Sie hatte sicher andere Vorstellungen von ihrem Leben, als sie damals in der Kanzlei ihres Ex-Mannes anfing, aber sie konnte den Lauf der Dinge nicht mehr ändern. Jetzt wo der Krebs hinter ihr lag und die Kinder aus dem Haus waren, würde sie vielleicht etwas sparen und mal Urlaub machen. Sie wollte schon immer mal nach Australien. Vielleicht würde sie Neuseeland oder die Osterinsel besuchen. Ihre Kinder könnten vielleicht etwas beisteuern.
Der erste Tag nach ihrer Zwangspause war gekommen. Sie freute sich darauf wieder arbeiten zu gehen, endlich wieder im Leben zu stehen. Im Depot stieg sie in den Sattel. Wie gut sich das anfühlte. Sie würde sich den ganzen Tag mit Schulkindern, defekten Stempel-Automaten und Rollatoren, die den Gang versperrten herumschlagen, nicht mit Metastasen, Bestrahlung und ihrem defekten Körper. Einer ihrer ersten Fahrgäste war ein dürrer Mann mit grauer, faltiger Haut. Er fiel ihr sofort auf, denn normalerweise wurde diese Linie morgens nur von Kindern auf dem Weg zur Schule genutzt. Der Mann setzte sich auf die erste Bank hinter dem Fahrersitz, direkt an der Eingangstür. Dort blieb er stumm und steif sitzen. Zwei Stunden lang. Sie sah ihn die ganze Zeit im Spiegel, mit dem sie den Fahrgastraum beobachten konnte. Kein schreiendes Kind der Welt schien ihm auch nur die geringste Gesichtsregung abgewinnen zu können. Dann war die Tour zu Ende. Alle Fahrgäste hatten den Bus verlassen. In ein paar Minuten würde sie die gleiche Strecke zurück fahren. „Endstation!” sagte sie und wandte sich zur Tür, um sich etwas die Beine zu vertreten. Der Mann drehte seinen Kopf in ihre Richtung, sagte aber kein Wort. Sie sah ihn an: „Sie müssen hier aussteigen. Gleich geht’s wieder zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind.” Keine Reaktion. „Hören Sie, …” setzte sie an. Dann drang ein Kerl mit einem Dobermann an der Leine in den Bus ein. „Kasse her!” brüllte er. Er stand direkt im Eingang des Busses. Die Hintertür war geschlossen, der Motor abgeschaltet. Es gab kein Entkommen. Sie sah den fahlen Mann hilfesuchend an, doch der blickte nur mit leeren Augen zurück. „Los! Das Geld her!” rief der Kerl mit dem Hund und zückte ein Messer. Das Tier knurrte. Sie nahm den Schlüssel und öffnete die Halterung der Kasse. Mit einem „Hier.” übergab sie dem Kerl die ganze Kassette. Sie zitterte. „Was soll das?” brüllte er. „Aufmachen!” „Kann ich nicht.” sagte sie. Er drückte auf den Hebel der Münzausgabe, bis kein Geld mehr herauskam. „Das ist ja nichts!” Kein Wunder. Alle Schulkinder, die den größten Teil der Fahrgäste bisher ausgemacht hatten, fuhren mit Dauertickets. Es war nur Wechselgeld in der Kasse. Hatte der Graue eigentlich einen Fahrschein gelöst? „Fuck!” rief der Kerl und zog seinen Hund aus dem Bus. Er warf die Kasse auf den Asphalt. Einige Münzen rollten parallel zum Bordstein die Straße hinunter, bis sie in einem Gulli landeten. Die letzte Münze blieb genau auf der Kante stehen. Sie hätte jetzt abstürzen oder zumindest umfallen müssen. Tat sie aber nicht. Die Haltestelle befand sich in einem Wohngebiet. Vormittags war hier nie etwas los. Die menschenleere Straße war gesäumt von Platanen, deren Blätter ebenfalls vollkommen still hielten. Dann sah sie den flüchtenden Räuber und seinen Hund durch die Windschutzscheibe. Sie schienen mitten in der Bewegung eingefroren zu sein. Die weit aufgerissenen Augen der Busfahrerin sprangen zum grauen Mann, doch der saß nicht mehr auf seinem Platz. Als sie wieder nach draußen blickte, stand er direkt vor dem Räuber. Er schien ihn eindringlich zu betrachten. Sie wendete sich dem Ausgang zu. Vorsichtig schob sie ihren rechten Fuß zum Rande des Busfußbodens. Dann hob sie den Linken und klammerte sich mit beiden Händen an den Stangen, die als Einstieghilfe gedacht waren, fest. Ihr Fuß ragte aus dem Bus. Sie erwartete, dass jeden Moment ein Kribbeln einsetzte oder sie den Fuß nicht mehr bewegen könnte. Nichts passierte. Sie schob sich weiter nach vorn. Jetzt berührte ihr Schuh den Boden. Keine Veränderung. Sie zog sich mit den Armen nach vorn und setzte auch den anderen Fuß auf den Gehweg. Alles um sie herum stand immer noch steif da. Sie selbst war beweglich wie immer. Langsam ging sie auf den Grauen und den Räuber zu. Im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses stand ein älterer Mann am Fenster. Er war im Begriff den Vorhang zu schließen, rührte sich aber nicht. Hatte er vielleicht beobachtet, wie der Räuber in den Bus kam? Eine Elster schwebte regungslos über der Hecke vor dem Haus. Über dem Stillleben einer gutbürgerlichen Wohnsiedlung zog sich ein Kondensstreifen. Zunächst hatte sie den Eindruck er löse sich auf, wie immer. Dann entdeckte sie das Flugzeug, das ihn erzeugte. Es war am wolkenlosen Himmel festgefroren.
Der Graue stand vor dem Räuber. War er auch eingefroren? Sie ging näher heran. Als sie dicht hinter dem Räuber stand, wanderte sein Blick. Er fixierte sie. Es schien mit einem mal zehn Grad kälter zu sein. „Dieser Mann” sagte er „wird morgen dich und drei andere Menschen töten.” Ein unkontrolliertes Zucken schüttelte ihren Körper. „Darf er leben?” sprach der Graue weiter. „Soll er sterben?” Sie schluckte. War das hier alles real? Wahrscheinlich hatte der Räuber sie niedergestochen und das hier war nur ein Koma-Traum. „Entscheide.” sagte er. Sie starrte ihn an, unfähig etwas zu sagen. Das hier war doch alles nicht wirklich. „Entscheide.” wiederholte er sich. „Wer sind sie?” brach durch die Mauer zwischen ihrem Hirn und ihren Stimmbändern. „Entscheide.” wiederholte er nur wieder. „Wieso ich?” fragte sie. „Entscheide.” „Aber…” er lies sie nicht aussprechen. „Entscheide.” Sie war nicht bereit. „Er ist kein guter Mensch, oder? Er hat mich überfallen. Wahrscheinlich war ich nicht die Erste und werde nicht die Letzte sein.” „Entscheide.” „Wenn er am leben bleibt, wird er morgen vier Menschen, inklusive mir selbst töten, ja?” „Entscheide.” „Und wenn ich ihn jetzt festhalte und die Polizei rufe?” „Entscheide.” „Es gibt keinen dritten Weg, oder?” „Entscheide.” „Ich würde ausser mir noch 3 andere Menschen retten.” „Entscheide.” „Er oder ich.” „Entscheide.” „Dann soll er sterben.” sagte sie.
Mit dem Aussprechen der letzten Silbe brach Dunkelheit über sie herein. Eine Stimme sprach zu ihr, rief ihren Namen. Sie öffnete die Augen. Ein Kopf schwebte über ihr. Er war verschwommen. Der Kopf fragte, ob es ihr gut gehe, was passiert sei. Sie nahm alles durch einen Filter wahr. Die Welt war matt, stumpf und sie befand sich eigentlich gar nicht darin. Sie stand ausserhalb, gehörte nicht mehr dazu. Zuerst langsam, dann immer schneller wurde sie wieder hineingesogen. Ein blaues Licht erschien in regelmäßigen Abständen. Sie lag im Bus. Sie lag genau dort, wo sie gestanden hatte, nachdem der Räuber geflüchtet war. Der Kopf wurde klarer. Das Gesicht eines Kollegen war darauf. Die Zentrale musste ihn geschickt haben, als sie die Rückfahrt nicht angetreten hatte und über Funk nicht zu erreichen war. Ihr Kollege wurde zur Seite geschoben. Ein Mann und eine Frau beugten sich jetzt über sie. Eine Taschenlampe leuchtete ihr in die Augen. Jemand öffnete das Hemd ihrer Uniform, tastete sie ab. Sie wurde nach etwas gefragt, aber sie war noch nicht wieder vollständig angekommen. „Nur der Schock.” sagte die Frau, die offenbar Sanitäterin oder Notärztin war. „Wo ist der Mann?” sagte die Busfahrerin. „Wo ist der graue Mann?” Statt eine Antwort zu geben hob man sie auf eine Trage. „Wir bringen sie vorsichtshalber ins Städtische. Da wird sie nochmal durchgecheckt.” Man trug sie aus dem Bus, während ihre Sinne immer klarer wurden. Auf dem Gehweg knieten zwei weitere Sanitäter. Eine Frau hielt einen Dobermann an der Leine. Der Hund saß und fiepte laut. Die Sanitäter hoben eine zweite Trage an. Darauf lag der Räuber. „Was ist mit ihm?” fragte die Busfahrerin. „Herzfehler.” sagte die Notärztin. „War schon zu spät, als wir ankamen.” Die Busfahrerin traute sich kaum zu fragen: „Er ist tot?” „Ja.” Kurz bevor die Türen des Krankenwagens ganz geschlossen waren, betrachtete die Busfahrerin die Frau, die den Hund hielt. Sie weinte.











