Geschichten aus der Dose

2 – Der Morgen danach

Ab jetzt kann man diesen Podcast wirklich als solchen bezeichnen, denn was ist schon eine einzelne Episode? Zu zweit hat man nunmal mehr Spaß, was auch die Hauptfigur unserer neuen Geschichte bestätigen würde. Abermals möchte ich dazu aufrufen die Kommentare mit Kritik zu fluten und bedanke mich bei Moritz, der das bereits getan hat (fortgeschrittene Internetnutzer haben den Link auf seine Literatur-lastige Präsenz bemerkt). Feedback motiviert. Isso. Ebenfalls sehr dankbar wäre ich dafür, wenn ihr mir helfen würdet die Geschichtendose etwas bekannter zu machen. Wenn ihr also mögt, was ihr hört, verteilt den Link doch mal bei Twitter oder Facebook und erzählt eurem Hamster hiervon. Natürlich solltet ihr auch das Blog via RSS und den Podcast per iTunes oder Miro abonnieren, sowie Geschichtendose auf Twitter verfolgen.


 

Der Morgen danach

Es passiert jeden Tag auf der Welt: Jemand wacht neben jemand anderem auf, den er nun gar nicht in seinem Bett vermutet hätte. Zur allgemeinen Verwirrung kam in meinem Fall hinzu, dass dieser jemand einen heute recht ungewöhnlichen Beruf ausübte und sich offenbar auch in seiner Freizeit nicht davon trennen konnte. So kam es, dass mich heute morgen die Sonnenstrahlen durch das geöffnete Fenster wachkitzelten. Vogelstimmen erfüllten meine Gehörgänge und machten mich munter. Als ich dann die Augen öffnete, könnte man dem Klischee entsprechend erwarten, dass ich in die Augen einer wunderschönen, jungen Frau blickte. Sie könnte langes, lockiges Haar und Haut so glatt und weich wie der Bauch eines Hundewelpen haben. Vermutlich wäre sie nur nicht so behaart. Ihre Wangen wären leicht rot von der nächtlichen Anstrengung. Vor allem aber hätte sie sicher zwei Augen. Stattdessen fiel mein erster Blick des Tages auf das vernarbte Gesicht eines beaugenklappten, bärtigen Piraten. Dieser wurde daraufhin etwas weniger sanft geweckt, als ich zuvor, denn dies besorgte offenbar mein schrilles, hohes Kreischen. Ich saß bereits senkrecht im Bett, als er ebenfalls mit den Worten „Arrr, was für eine hässliche Dirrrne!” hochschrak. Da „Arrr” ein fester Bestandteil der Piratengrammatik ist, trifft die Bezeichnung „Wort” hierauf wahrscheinlich durchaus zu. Die Spitze seines Säbels befand sich bereits an meinem Unterkiefer, als ich dieses sehr wichtige Detail realisierte. Während ein Tropfen der, meiner Meinung nach, zweitlustigsten Körperflüssigkeit nach Kinderrotz, nämlich morgendlicher Sabber, an seinem Schwert heruntertropfte, stellte er die wohl gleichermaßen offensichtlichste, wie auch wichtigste Frage des bisherigen Tages: „Arrr, wie komme ich hier herrr?” Ich wusste die Antwort nicht und konnte mich beileibe auch nicht auf die Suche nach ihr konzentrieren. Heute nehme ich an, dass sein entblößtes und offenkundig überdurchschnittlich großes Gemächt für diese Ablenkung sorgte. Mein Starren schien ihm nun aufzufallen und so ließ er den Säbel sinken und griff nach einem Kissen um seine Scham zu bedecken. Meinem Kopfkissen. Ich suchte gedanklich bereits nach einem Ort, an dem ich meine gesamte Bettwäsche mitsamt Bettgestell und Matratze verbrennen konnte. „Antworrrte, Arrr!” Wenn das mal so einfach gewesen wäre. Mein Blick glitt an dem salzwasser- und sonnengegerbten Körper nach oben. Abgesehen von den verfilzten Stellen und denen, die Geruch und Aussehen nach entweder mit Labskaus oder getrocknetem Erbrochenem durchsetzt waren, wiesen die straßenköterblonden Locken seines Bartes durchaus Ähnlichkeiten mit dem Haupthaar der hübschen Frau aus den klischeehaften Fantasien weiter vorn im Text auf.

„Keine Ahnung!” brachte ich dann doch heraus, bevor ein kalter Luftzug durch das halb geöffnete Fenster kam und mich daran erinnerte, dass auch ich offenbar unbekleidet vor diesem Relikt aus dem siebzehnten Jahrhundert saß. „Wie wär’s wenn wir uns erstmal was anziehen?” schlug ich vor. „Aye.” Er schien einverstanden zu sein. Ich bemerkte sofort das fehlende „Arrr”, allerdings hätte „Arrr, Aye.” oder „Aye, Arrr.” auch dämlich geklungen. Ich sah also, wie er sich langsam aufrichtete und rückwärts mit den Beinen vom Bett glitt. Er ließ mich nicht aus dem Auge. Meine beiden wanderten hingegen durch das Zimmer und suchten nach unseren Klamotten. Ich fand meine zusammengelegt auf dem Sessel gegenüber des Fernsehers. Während der Einäugige sich bereits seinen Hut aufgesetzt hatte und den Rest seiner Fetzen und Lumpen vom Boden aufsammelte, machte ich mich meinerseits mit je einem Kissen vor Gesäß und Lende auf den Weg zu eben jenem Sessel. Ich griff nach dem Hemd, das zu oberst auf dem Stapel lag und schlüpfte eilig hinein. Die Knöpfe ließ ich zunächst geöffnet um keine Zeit zu verlieren und hoffte, dass das nächste Kleidungsstück meine Unterhose sein würde. „Glück gehabt!” schoss es mir durch den Kopf, als genau diese meinem eiligen Blick begegnete. So schnell hatte ich mir noch nie etwas über die Beine gestreift. Genau weiss ich nicht mehr, wie ich diesen Rekord aufstellen konnte, aber ich muss mit beiden Füßen gleichzeitig hinein gehüpft sein. Als ich zum nächsten Stück Stoff griff, fiel etwas scheppernd zu Boden. Ich hielt meine Jeans in der Hand und auf dem Parkett lag eine CD, die aus ihrer Hülle gesprungen war, nachdem sie vom Sessel flog und bemerkte, dass sie keine Flügel besaß. Das Klimpern erregte auch die Aufmerksamkeit meines bärtigen Gastes, der nun mit erhobener Pistole zu mir hinübersah. „So eine hat Jack Sparrow auch!” dachte ich bei mir. Wenigstens hatte er seine Kleidung samt Gürtel und Antiquitäten gefunden. „Arrr, zeig mirrr deine Hände!” Ich bewegte meine Arme langsam aufwärts. Dabei traf ein Sonnenstrahl vom Fenster auf die spiegelnde Fläche der CD und wurde Richtung Bett reflektiert. „Du Sohn einer Hündin, Arrr!” rief der Pirat wütend, als der Lichtstrahl ihn direkt in die Augen traf und sich ein Schuss aus seiner Pistole löste. Der herabbröckelnde Deckenputz löste in meinem Kopf reflexartig den Ohrwurm „Es schneit” aus der Feder von Rolf Zuckowski aus. Als ich die Hände herunternahm, war mein Bettgeselle bereits damit beschäftigt seine Pistole nachzuladen. Bevor er jedoch aus dem Pulversäckchen nachfüllen konnte, blendete ich ihn erneut und schlug es ihm aus der Hand. „Mein Vermieter bringt mich um!” hörte ich mich dabei rufen und schien zu ignorieren, dass dieser Chewbacca hier das selbe hätte tun können. Nach meinem Hechtsprung lag ich mit halb heruntergerutschter Boxershort quer am Fußende des Bettes. Mein Gast stand direkt vor mir und sah grimmig auf mich herab. Dann hob er seinen Arm, die Pistole verkehrt herum in der Hand. Der Griff schnellte auf mich zu und meine Lichter gingen aus.

Es schneite und ein Duzend Kinder mit dem Gesicht von David Hasselhof sang beim Rodeln und Schneemannbauen eben jenes Lied, dass sich in Kindertagen tief in meinen Gehörgang gepflanzt hatte. Ein Schlitten verfärbte sich plötzlich schwarz und alle Kinder, bis auf dasjenige, das auf dem Schlitten gesessen hatte, verschwanden. Vorn am Schlitten glimmte ein rotes, pulsierendes Licht auf. „Chewchew” machte es. Ein Ton, der sich schwerlich in Buchstaben fassen lässt. „Michael” dröhnte eine tiefe Stimme. „Michael, du musst aufwachen. Wach auf, Arrr.” Oh nein. „Arrr, Neptun wirrrd dich schon wecken!” Der Schlitten soff auf der Stelle ab und ich kam wieder zu mir. Pitsch naß und immer noch in offenem Hemd und Unterhose saß ich auf einem Stuhl. Meine Arme waren hinter dem Rücken zusammengebunden, vor mir stand der uneheliche Sohn des fliegenden Holländers. „Was ist das fürrr Teufelzeug, Arrr?!” Ich blinzelte noch etwas benommen, aber er schien die CD in der Hand zu halten, die mir heruntergefallen war. Meine Augen weiteten sich, als ich die Beschriftung der Disc las: „Wedding of Sir Henry Morgan and Michael Anderson” „Was zum Henker?!” das hatte ich laut gesagt. Auch Henry schien das zu bemerken und blickte nun seinerseits die CD an: „Arrr, was steht da?” Er konnte also nicht lesen. „Binde mich los, dann sag’ ich’s dir.” „Das hättest du wohl gerrrn, Arrr.” Schade, war einen Versuch wert. „Rrrrede!” Er ließ nicht locker. „Na gut, schieb das Ding in den Schlitz am Fernseher.” „Was? Arrr.” Ach ja, konnte er ja nicht wissen. „Lass mich wenigstens aufstehen, meine Güte!” „Arrr, mach keinen Unsinn, oder ich werfe dich meinen einsamsten Matrosen vor!” Mit dieser Drohung schnitt er mich vom Stuhl los, meine Hände blieben gefesselt. Ich nahm Captain Morgan die CD ab und schob sie in den DVD-Player am Fernseher. Nach ein bisschen Herumgedrücke auf der Fernbedienung unter den wachsamen Augen des Freibeuters, war das Video auf dem Schirm. Als der Fernseher anging, machte Morgan zwei Schritte zurück. Ich glaube, er knurrte ein Wort in seinen Bart, aber sprach nicht wirklich mit mir. Dann war auch ich sprachlos.

Auf dem Bildschirm war zu sehen, wie der Pirat aus meinem Bett gemeinsam mit meinem bösen, mir unbekannten Zwilling, welcher meine Klamotten und meinen Namen geklaut haben musste, vor einem Altar stand. Wir lehnten dort seltsam schräg aneinander. Henry schien ein paar mal so stark aufstoßen zu müssen, dass man das Beben seines Körpers deutlich sehen konnte. Die Kamera bewegte sich um uns herum und zeigte jetzt unsere Rücken. In unseren Händen baumelten Flaschen mit Rum. Das konnte nicht ich sein. Es war einfach nicht möglich. Ich trinke nie Rum. Morgan schon. Er saß jetzt in meinem Sessel und setzte eine Flasche an seinen Mund. Wo hatte er die denn her? Die Lautsprecher des Fernsehers gaben das typische Klackern einer Amateurkamera wieder. Endlich lohnte sich das teure 7.1 Soundsystem mal. Zu diesem Geräusch und einem zweistimmigen Singsang aus Lallen gesellte sich die Stimme des Priesters. Priester war wahrscheinlich eine ziemlich übertriebene Bezeichnung für diesen Mann auf dem Video. Ein Elvis-Imitator stand vor uns und fragte soeben in englischer Sprache, ob Sir Henry Morgan mein Mann werden wolle. Dieser nickte und sagte „Aye”. Dann fragte Elvis mich und ich erwiderte mit höchst variablem Tonfall „Ja, isch will.” Wir drehten uns unsere Gesichter zu und bewegten die Köpfe vorwärts. Ich wollte schon die Augen schließen, um nicht sehen zu müssen, wie ich einen betrunkenen Labskausfetischisten küsste, doch es war wie ein Autounfall: Ich konnte mich einfach nicht abwenden, genauso wenig, wie ich glauben konnte, was da passierte. Doch bevor sich auch nur unsere Nasenspitzen kreuzten, fiel Morgan direkt an mir vorbei und schlug ohne sich abzustützen mit dem Gesicht auf den roten Teppich. Die Kamera wackelte und näherte sich schnell uns beiden. Ich beugte mich schließlich nach vorn und verteilte meinen Mageninhalt auf Henrys Schuhen. Als ich mich jetzt zu ihm umdrehte, sah er mich grimmig aus meinem Sessel an. Ich blickte auf seine Stiefel und konnte einige Flecken erkennen. Ich lächelte peinlich berührt. Der Morgan auf dem Video hatte sich mittlerweile wieder aufgerappelt. Wir gingen Arm in Arm, mehr zur gegenseitigen Stütze, als liebevoll wie ein frisch vermähltes Pärchen, aus der Tür der Kapelle. Durch die beiden Türflügel erkannte man noch ein riesiges Spektakel aus Lichtern in der Nacht. Dann beendete schwarz-weisses Kriseln das Video und erneut sang der alte Rolf in meinem Kopf. Ich griff nach der CD-Hülle, die von meiner Hose gefallen war. Morgan sah mich misstrauisch an, musste sich aber aufgrund des Rums bereits wieder in ferneren Gefilden aufhalten. „Little Chapel Of The White Rose” stand darauf. Mich überraschte nichts mehr, auch nicht, dass die Kapelle angeblich in Las Vegas stehen sollte. Ich zog die Vorhänge an den Fenstern zurück, um mich zu vergewissern, dass sich davor weder Ceasars Palace noch das Stardust-Casino befindet, sondern mein liebgewonnener Ausblick auf eine Hauptverkehrsstraße. Tatsächlich waren wir in meiner Wohnung. Zigtausend Kilometer entfernt von Las Vegas. Aber was wäre eine solche Reise schon gegen die Tatsache, dass ein zeitreisender Pirat in meinem Bett lag, als ich aufwachte?

„Hey, Henry, wie bist du eigentlich hier her gekommen?” fragte ich. So begann unsere erste richtige Unterhaltung, nach der alkoholbedingten Amnesie. Das ist nun dreizehn Jahre her und nachdem ich dem Captain gezeigt hatte, wie man unsere sanitären Einrichtungen nutzt, ihn neu einkleidete und mit ihm zu den anonymen Alkoholikern ging, wurden wir das glücklichste Paar in ganz Wanne-Eickel.

 

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28. Juni 2012 von Lars
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Kommentare (4)

  1. Zwischen dem Vorgelaber und der Hauptgeschichte könntest du vielleicht noch ein kurzes Gedudel einbinden und den Titel der jeweiligen Geschichte sagen. :)

  2. Das stimmt. Ich arbeite gerade daran das Vorgelaber etwas inhaltsstärker und weniger selbtstreferentiell zu machen. Da täte eine stärkere Abgrenzung gut.

  3. So wie in Folge drei ist es imo gut gelöst.

  4. Herr Lars, Herr Lars, …
    ich bin wirklich beeindruckt und auch beglückt deiner Stimme nun losgelöst von deiner physischen Manifestation lauschen zu können. Meine Gratulation!

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