Geschichten aus der Dose

15 – Das Mädchen, das nicht schlafen konnte

Diese Folge ist gähnend langweilig. Wer sie hört wird unweigerlich einnicken und zwölf Stunden am Stück durchschlafen. Das liegt vermutlich an der Stimme unseres aller liebsten Sandmanns Toby Baier. Er und seine Tochter Mareile, die normalerweise gemeinsam bei den Klogschieters zu hören sind, haben mir für diese Episode ihre Stimmen geliehen, damit der Jahresabschluss der Geschichten aus der Dose ein richtiger Knaller wird. So ist der vermutlich einschläferndste Knaller aller Zeiten entstanden und wird euch eine gute halbe Stunde die Ohren massieren.

Gleichzeitig ist dies aber auch die letzte Episode in diesem Jahr und nicht nur das: Im Januar wird es keine Geschichte aus der Dose geben. Stattdessen werde ich meinen Geschichtenvorrat aufstocken, die Homepage etwas glattbügeln und vielleicht wird es im Februar auch ein neues Intro geben. Wo ihr in der Zwischenzeit frisches Futter findet, habe ich schon hier aufgelistet. Natürlich wird es auch hier im Blog weiterhin das ein oder andere Gedicht geben und vielleicht versuche ich mich mal an Geschichten, die sich schlecht einsprechen lassen.

Ich wünsche allen Hörern und Lesern ein schönes Jahresende und einen schönen Jahresanfang!

 

Die Quelle des Sandes

Das Mädchen, das nicht schlafen konnte

Wenn an einem Ort der Welt die Sonne ihre Strahlen über den Horizont reckt, dann muss sie an einem anderen dem Abend Platz machen. Doch wo der Morgenwind durch die Straßen huscht, an alle Türen klopft und alle Menschen weckt, da gähnen und strecken sie sich. Nur die kleine Sophie, die ist längst wach, wenn ihre Mama und ihr Papa noch in den Federn liegen. Das ist meistens so, denn Sophie liegt oft schon mitten in der Nacht mit offenen Augen in ihrem Bett und kann einfach nicht mehr schlafen. Wenn so etwas passiert, wirft sie ihre Bettdecke zurück, setzt einen Fuß nach dem anderen auf den flauschigen Teppich ihres Kinderzimmers und schleicht barfuß auf den Flur hinaus. So leise sie kann und ohne das Licht einzuschalten, drückt Sophie dann die Klinke an der Tür zum Zimmer ihrer Schwester hinunter und verschwindet im Schatten. Manchmal ist das ganz schön gefährlich, denn Sophies kleine Schwester Anneli räumt ihr Spielzeug nicht immer vor dem Schlafengehen weg. Wenn Sophie dann im Dunkeln auf eine Puppe oder einen Legostein tritt, kann das ganz schön wehtun. Einmal ist sie sogar auf ein Metallauto getreten, das einfach unter ihrem Fuß davon gerollt war. Sophie fiel auf ihre vier Buchstaben und der Rumms weckte ihre Schwester. Das hatte ziemlich weh getan und Sophie hatte ein bisschen geweint. Aber nur weil sie sich so erschrocken hat. Später hatte Papa ihr erklärt, dass sie Glück gehabt habe, dass sie sich dabei nicht die Hand gebrochen oder den Kopf aufgeschlagen hat.

Heute Nacht klappte alles wie am Schnürchen. Sophie zog etwas am Band des Rollos und öffnete damit die kleinen Spalten, die ein bisschen Licht von draußen hinein ließen, dann griff sie nach der großen Pfauenfeder auf der Fensterbank, die Papa auf dem Rummel gewonnen und Anneli geschenkt hatte. Zwischen den vielen grünen Federsproßen blickte einen das große, blau-schwarze Auge am breiten Ende an, das einmal dazu da war, um Pfauenweibchen zu beeindrucken. Anneli lag auf dem Bauch und streckte Arme und Beine von sich. Die Zudecke lag nur noch über einem ihrer Füße und baumelte von der Bettkante. Sophie fühlte schon die kleinen Körnchen zwischen ihren Zehen. Wie Anneli immer den Sand in ihr Bett bekam, obwohl sie doch am Abend gebadet hatte, war Sophie ein Rätsel. Vorsichtig strich sie mit der Feder über die nackte Fußsohle ihrer Schwester. Als das Bein von Anneli plötzlich zuckte und in die Luft trat, musste sich Sophie ganz schön das Lachen verkneifen. Noch war sie mit ihrem kleinen Spaß aber noch nicht fertig. Als nächstes strich sie mit der Feder über die Hand von Anneli, die ganz nah an der Bettkante lag. Zuerst zuckten nur ihre Finger, aber dann schlug die ganze Hand wild um sich. Anneli schlief dabei weiter und wieder musste Sophie ein Kichern unterdrücken. Jetzt kam das Beste. Mit den längsten Minifedern über dem großen Pfauenauge fuhr Sophie über die Stirn von Anneli. Als ihre Augen und die Falten auf ihrer Stirn zuckten und sie den Kopf auf die andere Seite drehte, beugte sich Sophie über sie und bugsierte die gleichen Federn zur Nase ihrer Schwester. Anneli nieste und drehte sich hektisch auf den Rücken. Sophie lachte laut, als sie von oben hinunter in die verdutzten Augen ihrer Schwester sah. Anneli war mit einem Mal hellwach, schimpfte und sprang auf. Sie stampfte an Sophie vorbei aus dem Zimmer. Jetzt würde sie im Schlafzimmer von Mama und Papa verschwinden und die würden sie in ihrem Bett schlafen lassen. Das kannte Sophie schon. Erst am Morgen würde es ein bisschen Ärger geben, aber auch das war nichts Neues für sie. Sie war in letzter Zeit immer öfter und länger Nachts wach und dabei hatte sie eine Menge Langeweile. Anneli regte sich so schön auf, wenn man sie nur ein bisschen ärgerte und der Spaß war ihr eine kleine Ansprache von Papa wert.

Nachdem Mama sie am nächsten Abend zugedeckt hatte, lag Sophie wach in ihrem Bett. Sie dachte darüber nach, was Mama und Papa am Morgen gesagt hatten, denn diese Standpauke war überhaupt nicht wie die anderen gewesen. Papa hatte gesagt, dass vielleicht etwas mit Sophie nicht in Ordnung sei und dass sie vielleicht einige Nächte in ein Schlaflabor müsse. Mama sprach noch von irgendeiner Krankheit. Sophie fragte sich, wie es wohl wäre in so einem Labor zu sein und ob es dort Schlaf in Reagenzgläsern gäbe, mit dem alte Männer in weißen Kitteln experimentierten. Sicher würde man Sophies Schlaf auch in so ein Glas füllen und über einem Brenner heiss machen oder mit Chemikalien zusammenschütten. Wie einem wohl der Schlaf abgenommen wird? Vielleicht so, wie der Arzt es schonmal mit ihrem Blut gemacht hat. Plötzlich wurden Sophies Gedanken unterbrochen. Sie hörte ein seltsames Geräusch im Zimmer. Es klang ein bisschen wie der große Wasserfall, den sie im Fernsehen gesehen hatte, aber viel leiser. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Das war bestimmt Papa, der nachsehen wollte, ob Sophie wirklich ins Schlaflabor müsse. Sie drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. Papa sollte doch nicht merken, dass sie noch wach war. Sophie lauschte in das dunkle Zimmer hinein, aber sie hörte nichts. Nanu? Hatte jemand die Tür geöffnet ohne ins Zimmer zu kommen? Unter dem Gewicht von Papa und Mama knarzten die Holzdielen unter dem Teppich normalerweise immer. Nur jemand, der so leicht war, wie Sophie konnte unbemerkt darüber huschen. Dann musste es Anneli sein. Sicher wollte sie Sophie die Attacke mit der Feder von letzter Nacht heimzahlen. Da hat sie die Rechnung aber ohne Sophies Schlaflosigkeit gemacht. „Haha!” rief Sophie und drehte sich blitzschnell herum. Noch bevor sie den Kopf ganz gedreht hatte, flog ihr etwas entgegen. Sophie schrie und kniff die Augen zusammen, aber es war schon zu spät. Wenn sie versuchte sie zu öffnen, spürte sie ein raues Kratzen. „Was soll das?!” rief sie. Anneli musste mal wieder Sand aus dem Kindergarten mitgebracht haben. Jetzt lag der bestimmt überall in Sophies Zimmer verteilt und noch schlimmer: Er war in ihrem Bett. „Anneli, wenn ich dich erwische!” rief Sophie.

Sie rieb sich die Augen, wuschelte sich durch das Haar und schüttelte sich, um den Sand los zu werden. Bis sie wieder sehen konnte, verging keine besonders lange Zeit. Der Sand schien sogar einfach zu verschwinden, denn Sophie fand nur ein paar Körnchen auf ihrem Bett. Auch der Sand in ihren Augen war bald einfach nicht mehr da und das raue, kratzige Gefühl blieb auch nicht lange. Sophie fand das zwar etwas seltsam, aber im Augenblick war sie so sauer, dass sie auf das Verschwinden des Sandes nicht weiter achtete. Der Spalt an der Zimmertür war längst wieder geschlossen. Von Anneli war im Zimmer nichts zu sehen. So eine Gemeinheit! Die konnte doch nicht einfach so Sand in ihr Bett schmeißen und dann wieder abhauen! Sophie warf die Bettdecke zur Seite und sprang aus dem Bett. Sie ballte die Fäuste und stapfte auf den Flur hinaus. Mit einem Ruck stieß sie die angelehnte Tür zum Zimmer ihrer Schwester auf. „Ann…” setzte sie an, verstummte dann aber. Anneli lag friedlich in ihrem Bett, aber das hatte Sophie nicht davon abgehalten so richtig loszuschimpfen, wie sie es vorgehabt hatte. So große Augen, wie in diesem Moment hatte Sophie bestimmt noch nie gemacht. Sie war aber nicht die einzige, die verdutzt dreinschaute. Vor dem Bett von Anneli stand eine seltsame Figur, die genauso große Augen machte. Die beiden schauten sich an, als hätte ein Zirkusclown ein Seil zwischen ihren Köpfen gespannt und würde mit einem Einrad darauf herumfahren. Das wäre bestimmt nicht weniger seltsam gewesen, als das Bild, welches Sophie gerade vor sich hatte. Ein riesiger Mann stand am Bett von Anneli. So große Menschen hatte Sophie vorher nur im Fernsehen gesehen oder in Geschichten von ihnen gelesen, aber die waren ja alle nicht echt. Der Mann trug einen blau und weiß gestreiften Schlafanzug und eine Mütze mit dem selben Muster. Der Bommel daran war dem Mann mitten auf die Nase geschlagen, als er sich zu Sophie herumgedreht hatte. Die Ärmel des Schlafanzugoberteils waren beide abgerissen und man sah selbst im grauen Licht, das erst durch das Badezimmer, den Flur und die Tür zu Annelis Kinderzimmer musste, wie groß die Muskeln an den Armen des Mannes waren. Hinter ihm stand ein riesengroßer, roter Sack mit einem goldenen Seil. Er reichte dem Mann bis weit über die Kniekehlen und war noch einmal doppelt so breit.

Der Mann löste sich nun doch aus seiner Starre. Er warf etwas auf Anneli, griff nach dem goldenen Seil und verschwand. Sophie rannte zu der Stelle, an der er gerade noch gestanden hatte, aber da war nichts mehr ausser dem komischen Rauschen, dass sie schon in ihrem Zimmer gehört hatte. Kein Mann und kein Sack. Dann schaute sie Anneli an. Auf ihrem Kopf und der Bettdecke lag eine feine Schicht Sand. Sophie strich darüber und während sie das tat, lösten sich die kleinen Körnchen auf. Sie versuchte ihre Schwester zu wecken, um ihr von der seltsamen Begegnung zu erzählen, aber Anneli schlummerte tief und fest. Sophie verliess das Kinderzimmer und rannte auf die Tür zum Schlafzimmer von Mama und Papa zu. Sie wollte die beiden wecken, bevor der Sand ganz verschwunden sein würde. Sie griff nach der Klinke. „Halt!” hörte sie da. Die Stimme erklang direkt vor ihr, aber da war nichts ausser der Tür, die Sophie gerade öffnen wollte. Zuerst erschien ein Paar große Augäpfel, dann ein breiter Mund, der sich sofort in Bewegung setzte. „Lass sie schlafen.” sagte der Mund. Sophie liess den Arm sinken. „Wer bist du?” fragte sie. „Pssst!” zischten die Lippen. „Nicht so laut!” Jetzt zeigte sich ein ganzer Kopf um die Augen und Lippen herum. Es war der Mann mit der Schlafmütze, nur dass sein Körper fehlte. „Komm mit.” sagte der Kopf und schwebte an Sophie vorbei den Flur hinunter. Sophie machte ein schiefes Gesicht. Sie sollte doch nicht mit Fremden mitgehen, aber das hier war ein fliegender Kopf. Galt so etwas schon als ganzer Fremder? Ausserdem flog der Kopf auf ihr eigenes Zimmer zu. Sollte sie nicht vielleicht doch Papa und Mama wecken? Der Kopf schwebte jetzt direkt vor Sophies Zimmertür. „Na los! Wenn du wissen willst, wer ich bin, musst du herkommen!” flüsterte er den Flur hinunter. Nun gewann doch die Neugierde in Sophie und als der Kopf sah, dass sie sich in Bewegung setzte, verschwand er in ihrem Zimmer.

Als Sophie durch die Tür trat, hielt sie Ausschau nach dem Kopf, aber der hatte sich wohl irgendwo im Dunkeln verkrochen. Plötzlich flog ihr Sand ins Gesicht. Sie spuckte und schüttelte sich. „Was soll das?!” rief sie wütend. Wieder löste sich der Sand langsam auf. „Das ist doch nicht möglich!” sagte die Stimme. Jetzt erschienen nicht nur Augen, Lippen und Kopf, sondern auch der ganze Körper des Mannes, den Sophie vor dem Bett ihrer Schwester erwischt hatte. Auch der große Sack stand nun im Raum. Der Mann kratzte sich mit der linken Hand unter der Zipfelmütze und zog eine Augenbraue hoch. Als der Sand halbwegs aus Sophies Augen verschwunden war, rannte sie los und trat dem Mann vor sein Schienbein. „Blödmann!” rief sie. Der Mann hielt sich das Bein und hüpfte auf dem anderen durch das Zimmer. Selbst jetzt machte sein Fuß keine Geräusche, wenn er auf dem Boden aufkam. Schließlich fiel er und landete mit dem Hintern auf dem großen roten Sack. Sand flog durch das Zimmer und verteilte sich in der Luft. Sophie musste niesen. Der Mann saß vollkommen verdutzt auf dem Sack und starrte Sophie an.

- „Wieso guckst du denn so?” sagte sie, als ihr sein Blick auffiel. Er sah hektisch von links nach rechts, dann sagte er:
– „Wieso schläfst du nicht?”
– „Ich bin noch gar nicht müde.”
– „Ja, aber wieso nicht?” Sophie wollte schon antworten, aber dann fiel ihr etwas ein, das sie mal im Fernsehen gesehen hatte.
– „Das hier ist mein Zimmer, hier stelle ich die Fragen!” sagte sie. „Wer bist du und was machst du hier in unserem Haus?”
– „Ähhh…”
– „Los, antworte!” rief sie, schloss die Tür hinter sich und machte das grimmigste Gesicht, das sie konnte.
– „I…Ich bin…” Er brachte den Satz nicht zu Ende. Sophie verdrehte die Augen.
– „Du bist der Sandmann. Weiss ich schon längst! Wieso hast du das nicht sofort gesagt?” Der Mann brachte immer noch keine ganzen Worte heraus. „Bist du hier, weil ich nicht gut schlafe?”
– „Nein, eigentlich nicht.” sagte er und schüttelte den Kopf. „Ich komme jede Nacht, damit alle Kinder schlafen können.”
– „Dann machst du deinen Job bei mir aber falsch!”
– „Ich verstehe das nicht.” sagte er und stand auf. Er schüttelte den restlichen Sand von seinem Schlafanzug und zog am goldenen Seil des Sacks, um ihn wieder in Form zu bringen. „Wieso bist du noch wach?”
– „Woher soll ich das denn wissen?”
– „Du hast schon drei mal Sand abbekommen. Du müsstest schlafen wie ein Känguru im Beutel!”
– „Vielleicht hast du zu wenig Schlaf in deinen Sand getan.”
– „So funktioniert das nicht.” sagte der Sandmann, ging um den Sack herum und griff hinein.

Sophie näherte sich dem Sack und sah dem Mann dabei zu, wie er eine Handvoll Sand durch seine Finger rieseln liess. Der Sandmann schien dabei jedes Körnchen genau zu verfolgen. So große Hände hatte Sophie noch nie gesehen, aber sie hatte auch noch nie so einen großen Menschen gesehen und schon gar keinen, der einfach verschwinden konnte. „Wieso bist du so groß?” fragte sie. Der Sandmann schaute sie an. Er schien kurz zu überlegen. Sophie stand jetzt ziemlich nah an dem Sack. Da sagte der Sandmann: „Ich muss mich noch um andere Kinder kümmern. Ich komme morgen wieder.” und griff nach dem goldenen Seil. Sophie verstand sofort und bevor er das Seil erreichte, krallte sie sich mit allen zehn Fingern im roten Stoff des Sacks fest. Sie kniff die Augen zusammen und hörte nur noch Rauschen. Alle verschwanden sie im Nichts.

Als Sophie die Augen wieder öffnete, fand sie sich im Dunkeln wieder. Nur ein schmaler Lichtschein fiel durch den Spalt einer angelehnten Tür. Bevor der Sandmann sie entdecken konnte, duckte sie sich und versteckte sich hinter dem Sack. Als der Sandmann ihn öffnete, etwas Sand herausnahm und sich einige Schritte entfernte, zog Sophie die Öffnung des Sacks weit auf und stieg hinein. Sophie hockte jetzt auf dem feinen Sand. Er lag wie Nebel in der Luft und schon die kleinste Bewegung wirbelte die kleinen Körner auf. Der Sandmann kam zurück zum Sack, verschloss seine Öffnung mit einem Zug am Seil und wieder rauschte es in Sophies Ohren. Wieder griff der Sandmann in den Sack. Sophie konnte gerade noch der Hand ausweichen, als sie sich durch die Öffnung schob. Viel Platz hatte sie hier drinnen nicht und langsam wurde ihr warm. Sie streckte den Kopf heraus. Ein Nachtlicht tauchte das ganze Zimmer in ein seichtes, grünes Licht. Hier war Sophie schon einmal gewesen. Dieses Zimmer gehörte einem ihrer Mitschüler. „Was machst du denn hier?!” zischte der Sandmann. Sophie zog den Kopf in den Sack zurück. Vielleicht meinte er jemand anderes oder glaubte er hätte sich verguckt. Immerhin war es fast ganz dunkel im Zimmer. Dann packten sie zwei große Hände. Einer unter dem linken Arm, einer unter dem rechten. Sie wurde aus dem Sack gehoben und draußen wieder auf die Füße gestellt. „Ich habe doch gesagt du sollst einfach morgen auf mich warten!” sagte der Sandmann, der sich zu Sophie hinunter gebeugt hatte. „Zur Strafe sollte ich dich einfach hier lassen!” Sophie kreuzte die Arme vor der Brust und sah den Sandmann unbeeindruckt an. Der beugte sich wieder nach oben und sagte: „Wir sind gerade in Amerika, wenn ich dich hier lasse, kommst du nicht mehr so einfach nachhause!” Sophie zog die Augenbrauen hoch. „Wir sind in Sprötze!” sagte sie trocken. „Mama und Papa sind in ein paar Minuten mit dem Auto hier.” Der Sandmann machte ein verzweifeltes Gesicht. „Nein, sind wir nicht.” sagte er. „Doch, sind wir.” erklärte Sophie. „Das ist das Zimmer von Holgi aus meiner Klasse. Ich war letztens erst auf seinem Geburtstag!” Sophie war ganz schön laut geworden. Holgi wälzte sich in seinem Bett herum. „Pssst!” machte der Sandmann und streckte seine Hand in Sophies Richtung. „Komm, du musst zurück nachhause.” Für einen kurzen Moment wollte Sophie nach der Hand greifen, aber dann sah sie den Sandmann umso grimmiger an. „Zuerst will ich wissen, wie das mit dem Sand funktioniert und wieso ich nicht gut schlafen kann!” „Na gut, aber nicht hier.” sagte er. „Zuerst bringe ich dich nachhause.” Sophie dachte kurz nach. „OK, abgemacht.” sagte sie. Papa hatte ihr erklärt, dass man sich die Hand gibt, wenn man eine Abmachung schließt, also streckte sie ihren Arm aus. Der Sandmann griff mit seiner riesigen Hand nach der des kleinen Mädchens und als sie sich berührten, verschwanden beide.

Sie tauchten in Sophies Zimmer wieder auf. „So, jetzt bist du dran!” sagte sie. Der Sandmann zeigte auf ihr Bett und sie legte sich hinein. Er setzte sich auf die Kante und zog Sophie die Bettdecke bis ans Kinn. Obwohl er so groß war und schwer aussah, wölbte sich die Matratze nur ein kleines bisschen. Dann begann er von der Magie des Schlummersandes zu sprechen und erklärte, dass er noch nie ein Kind getroffen hatte, bei dem der Sand nicht wirkte. Am Anfang hörte Sophie aufgeregt zu, aber als der Sandmann von den komplizierten Gesetzen der Zauberei sprach, von denen sie viele nicht verstand, fielen ihr langsam die Augen zu. Als der Sandmann verschwand, schlief Sophie tief und fest.

In der nächsten Nacht wartete Sophie schon auf den Sandmann. Als sie das Rauschen des Sandes in der Luft hörte, war sie ganz aufgeregt. „Ich habe durchgeschlafen!” rief sie, als er in ihrem Zimmer erschien. „Wirkt der Sand wieder?” „Nein.” erklärte der Sandmann. „Aber ich habe da so eine Idee. Leg dich mal hin.” Sophie sprang ins Bett und zog ihre Decke hoch. Sie entdeckte, dass der Sandmann ein dickes Buch mitgebracht hatte, das sehr alt aussah. Er setzte sich auf die Bettkante und schlug es auf der ersten Seite auf. Schon als er zu lesen begann, wurden Sophie die Augen schwer und bald schlief sie ein. Von nun an saß der Sandmann in jeder Nacht am Bett des Mädchens, das nicht schlafen konnte.

 

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30. Dezember 2012 von Lars
Kategorien: | Schlagwörter: , , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. Sehr schöne Folge! Die Gaststimmen verleihen der Geschichte eine sehr schöne Atmosphäre. Gerne mehr von dieser Art.

  2. Pingback: Vorhersage Sonntag, 30.12.2012 | die Hörsuppe

  3. … hmm. die e-booklinks funktionieren (noch?) nicht.

  4. Du hast recht, es gab einen Fehler in der Adresse. Ist jetzt behoben. Vielen Dank für den Hinweis.

  5. Hey Lars,

    toller Podcast und tolle Geschichten. Ich verstehe nun, da ich die Webseite sehe, auch dass du ein kleiner 8bit-Fan bist. Schön und gut aber das In- und Outro ist echt nervig und zerstört die schöne Stimmung die deine Geschichten erzeugen.

    Ansonsten: Mach weiter so :)

    mfg ND

  6. Ich kann das durchaus nachvollziehen, aber Musik ist eben Geschmacksache. Auch das neue Intro wird wieder Chiptunes enthalten. Ich werde irgendwann in den nächsten Monaten weitere Audioformate anbieten und dann auch Kapitelmarken in die Dateien einbauen (auch in die alten Episoden), sodass das Intro und mein Geschwafel zu beginn übersprungen werden können.

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